| Tag der offenen Tür 2002 |
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. "Aufg'sperrt is"
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Als ich die Tür öffnete ... Winfried Franz Ganster Es
liegt schon viele Jahre zurück, da fiel mir in einem Hof in der Nähe
„meiner“ damaligen Wohnung ein älterer Mann auf. Sein schütteres
Haar zierte nur mehr einen schmalen Streifen oberhalb seiner Ohren. Meist
sah man ihn schmunzelnd und mit einer filterlosen Zigarette im Mundwinkel.
Einige Male, als ich vorbei kam, stand er rauchend vor einer hölzernen
zweiflügeligen Eingangstüre einer Werkstätte. Unmittelbar daneben eine
Schlichtung aus verschiedengroßen Brettern und ein olivgrüner
Motorroller der Type KTM-Ponny. Seitlich zierten einige kräftiggrüne
Grasnarben den nicht asphaltierten, sondern nur mit Schotter befestigten
Hof. Etwa zur gleichen Zeit, es war
irgendwann zu Beginn der 70er Jahre, lernte ich in der Schule einen Jungen
kennen. Er war einer von denjenigen, die nicht im Rampenlicht stehen
wollten, einer, der nicht erst große Sprüche „klopfen“ musste, um in
der Klassengemeinschaft Anerkennung zu finden. In
den ersten Jahren unseres gemeinsamen Lernens nahmen wir uns
lediglich zur Kenntnis. Aber irgendwann, ich glaube es war im Laufe
unserer gemeinsamen Hauptschulzeit, entdeckten wir einander. Das Interesse
an Musik, das Interesse an komischen Dingen, an Nonsens, brachte uns
einander näher. Die
Werkstätte im unasphaltierten Hof schloss ihre Pforten und übersiedelte
in ein, in der Nähe, neu errichtetes Hochhaus, mit zehn oder mehr
Stockwerken. Untergebracht im Erdgeschoss dieses Riesenquaders, fand man
Zugang über eine Holzrampe, durch eine mit zwei großen Glasfüllungen
versehene Metalltüre. In
zwei, zirka fünfundzwanzig Quadratmeter großen, überhohen Räumen
standen drei oder vier von der Arbeit schwer gezeichnete Hobelbänke und
eine Vielzahl an bunt befleckten Schragen und Auflageböcken. In den
unterschiedlichsten Längen hingen da und dort jede Menge von
Schraubzwingen, mit bunten, meist rot lackierten Holzgriffen. An den
Wänden waren
verschließbare hölzerne Werkzeugkästen befestigt, bestückt mit in
unterschiedlichen Farben gekennzeichneten Werkzeugen. Auf den Fensterbänken
standen mit Flüssigkeiten gefüllte Gläser und Becher, bespickt mit
Pinseln in den verschiedensten Größen. Im hinteren Teil der Werkstätte
befand sich in einem schmalen, länglichen Raum die Toilette mit einem
kleinen Handwaschenbecken. Auf der Ablagefläche des Beckens stand die
untere Hälfte einer aufgeschnittenen, weißen, mit einer Mischung aus
Seife und Sägespänen gefüllten Kunststoffflasche. Durch die Verwendung
dieses Gemisches war es möglich, die Hände und Finger von lästigen
Leimresten und anderen Verunreinigungen zu säubern. Es
begann sich der Kreis der Bilder, die sich im Laufe der Jahre
aneinandergefügt haben, zu schließen. Der einstige Schulfreund hatte
hier sein zu Hause und dieser alte Mann, mit dem schütteren Haar und der
meist filterlosen Zigarette im Mundwinkel, war also sein Vater, ein
sogenannter Kunst- und Antiquitätentischler. Eine seltene Zunft in
dieser Zeit, denn wer konnte sich schon Antiquitäten leisten? In einem
damals „normalen“ oder kleinbürgerlichen Haushalt waren eher neue,
moderne, billigere Möbel zu finden. Solche die man damals zum Beispiel
bei den Firmen Gmoser, Leiner, Loran, (und anderen) zu kaufen bekam. Ich
denke da an die unterschiedlichsten Wohnzimmerschränke, zweieinhalb bis
dreieinhalb Meter lang, zirka zweimeterzehn hoch. Diese guten Stücke
waren bestenfalls in Nuss furniert, hatten eingebaute Abdeckungen für
Lautsprecherboxen und in der Mitte eine Ausnehmung für eine Stereoanlage.
Meist war auch noch eine kleine Hausbar mit einem Glasfach und einem
Spiegel als Rückwand integriert. Damals kamen auch voluminöse Polstermöbel
in Mode. Ebenso typisch waren die nostalgisch wirkenden Küchenverbauten
mit ihren, in Pastelltönen gehaltenen hellblau-, gelb-, und rosafarbigen
Türchen und Läden. Nicht selten mussten solche Einheiten
kunststofffurnierten, mit Hochschränken
versehenen Reginaküchen oder ähnlichen Fabrikaten, Platz machen.
Standard waren auch die weiß emaillierten Standherde von Elektra Bregenz
und anderen Erzeugern. Mit
Sicherheit waren es keine Antiquitäten, die uns bei unseren häuslichen Möblierungs-
und Verschönerungsversuchen zur Verfügung standen. Auf Grund dieses
Umstandes waren mir daher auch kaum die Hilfsmittel und Werkstoffe, die im
Zusammenhang mit der Erhaltung und Resteration antiker Möbelstücke in
Verwendung standen, bekannt. Nicht der Geruch von Politur, nicht der
Bimsstein und nicht das Quellmittel zum Auftragen und Abziehen von
Schellackpolituren. Der
Antiquitätentischler und seine Familie, seine Frau, seine Töchter und Söhne,
hatten etwas besonderes an sich. Es war eine eigenwillige Form der Zurückhaltung,
der Bescheidenheit und Unaufdringlichkeit. In ihr existierte auch eine
eigene Art von Humor – wurde eine eigene Lebensphilosophie gelebt. Im
Laufe der Zeit entstand zwischen
uns so etwas wie Beziehung und Freundschaft. Mit den Jahren lernte ich in
der Werkstatt auch einige Arbeiten kennen. So staunte ich über das
geschickte abziehen von schadhaften Schellackpolituren, über das sorgfältige
und liebvolle ausbessern von Intarsien, staunte über das Stabil-Leimen
von scheinbar nicht mehr renovierungswürdigen (uralten) Stühlen,
Tischen, Kredenzen, Vitrinen, Kommoden und was sonst noch alles aus den
unterschiedlichen und meterhohen Möbelstapeln ans Tageslicht gekramt
wurde. Ich staunte auch immer wieder über die relativ geringe Anzahl an
Werkzeugen, die zur fachgerechten Ausführung der einzelnen Tätigkeiten
notwendig waren. Zuerst war es nur ein Staunen und Zusehen, doch nach
einiger Zeit der Beobachtung durfte auch ich einige male selbst Hand
anlegen und wunderschön furnierte Flächen mit der Klinge abziehen. Es
machte Spaß einwenig mitzuwirken. Im Laufe der Jahre gewann ich einen
besonderen Zugang zu dieser Arbeit und zu diesen Möbelstücken. Heute
fünfundzwanzig Jahre später, stehen mittlerweile auch in meinem
– unserem Wohnzimmer wirklich alte – „antike“
Möbelstücke. An
irgendeinem Tag im Jahre 1977 öffnete ich die Tür zur neuen Werkstätte.
Es roch nach Politur. Der Antiquitätentischler stand neben einem
aufgekippten Kasten - es war ein Biedermeierstück. In der rechten Hand
hielt er einen Ballen, der in kreisenden Bewegungen über die Seitenwand
des Kastens glitt. Die linke Hand in der Hüfte, blickte er mit
Aufmerksamkeit auf die Fläche die schon ein zartes samtmattes Glänzen
wiedergab. Er war vertieft in seine Arbeit. Im Hintergrund ertönte Musik
des Senders Ö3. Es war diese Sendung zwischen fünfzehn und sechzehn Uhr.
Wie hieß sie doch gleich? Ja richtig, Music - Box. Er folgte mit
kritischem Gehör den Beiträgen und genoss die Musik von Eric Clapton.
Meinen Gruß erwiderte er mit ruhiger Stimme. ---
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